Auf Biegen und Brechen

Segeln unter elbanischer Sonne

Reisebericht von Samira Kassel zum HAPPY CAT HURRICANE – April 2017


„Halleluja, wenn jetzt was bricht, stranden wir an der Küste von Korsika!“, brüllt mein Vater mir über das Getöse des Windes und der Wellen hinweg zu. Ich grinse und schreie zurück: “Och, ich habe gehört, dass Korsika eine tolle Insel sein soll!“ Allerdings wird der zweite Teil des Satzes von einer heranrauschenden Böe verschluckt und große Bugwellen einer vorüberziehenden Autofähre klatschen gegen die Rümpfe unseres Happy Cat HURRICANE.
Ich bekomme eine Ladung kaltes Meerwasser ins Gesicht. Die Gläser meiner Sonnenbrille werden von einer feinen Salzkristallschicht überzogen. Alles um mich herum sehe ich nur noch durch einen milchigen Schleier. Aber das ist mir in diesem Moment ziemlich egal. Gerade kuschelt sich unsere Hündin Luzy schutzsuchend an mich, während ich mich weit raus lege als Gegengewicht zum Wind, der heftig in unsere Segel bläst.

Wer sich fragt, wer „wir“ sind und was wir hier machen, dem möchte ich kurz einen Überblick verschaffen. Mein Vater Gerd Kassel, unsere beiden Hündinnen Luzy und Fly und ich, Samira Kassel verbringen momentan unsere Osterferien auf der italienischen Insel Elba.

Mit im Gepäck haben wir das neuste Modell des Happy Cats der Luftboot-Firma Grabner, den HURRICANE. Unser Basislager befindet sich in der kleinen Bucht von Nisporto im Nordosten der Insel auf dem Campingplatz Sole e Mare. Von dort sind wir heute Mittag gestartet.

Voller Freude über den schönen Wind segelten wir aus der kleinen Bucht heraus. Unser Ziel war die westlich gelegene Bucht von Portoferraio. Da der Wind aus südlicher Richtung wehte, erhofften wir uns dort eine weite Segelfläche mit gleichmäßigen Böen. So weit, so gut. Bereits bei der Umrundung des ersten Kaps verließ uns die Euphorie. Der Wind am Kap war deutlich stärker als erwartet. Dieses Phänomen ist typisch für ablandigen Wind. Vom Land aus sehen Wellen und Wind wesentlich harmloser aus als sie es weiter draußen auf dem Wasser sind. Damit hatten wir gerechnet. Wir mussten mit den vorgefundenen Bedingungen klarkommen. Das wäre an sich auch kein Problem gewesen, wäre nicht mitten in einer starken Böe das Steuerblatt hochgeklappt. Scheinbar hatte mein Vater es beim Start nicht richtig fixiert. Dieses in senkrechter Stellung arretierbare Steuerblatt ist eine sinnvolle und funktionale Neuheit bei Grabner, wie sich später bei richtiger Handhabung zeigt.

Zum Missgeschick mit dem Steuerblatt gesellte sich heute stark verwirbelter Wind vorm Kap, der plötzlich aus der entgegengesetzten Richtung kam. Während mein Vater damit beschäftigt war, das Steuerblatt wieder in der richtigen Stellung zu fixieren, sprang ich von einer auf die andere Seite, um das Boot auszubalancieren. Schließlich hatten wir die Situation gemeistert. Wir waren um das Kap herumgesegelt und konnten zielstrebig Kurs auf die Bucht von Portoferraio nehmen.

Dort sind wir nun. Der Wind kommt hier wie erhofft in gleichmäßigeren Böen vom Land. Wir fliegen nur so über die Wellenkämme dahin. Manchmal knackt es in besonders starken Böen. Doch bis jetzt hält der solide verarbeitete Trampolinrahmen aus Aluminium und die neuen Bugversteifungsstreben des HURRICANE bewähren sich. Das gesamte Boot macht einen stabileren und schnelleren Eindruck als die anderen Happy-Cat-Modelle. Wir freuen uns, dass wir so einen starkwindtauglichen und schnellen Schlauch-Katamaran unter dem Hintern haben. Auch unsere Hündinnen haben sich nach anfänglichen Angstzuständen wieder an das Starkwind-Segeln gewöhnt. Also eigentlich alles Friede, Freude, Eierkuchen – doch das dicke Ende kommt nach.

Nach einer kleinen Picknickpause am Strand von Magazzini machen wir uns auf den Rückweg in Richtung Nisporto. Mittlerweile hat der Wind von 4 auf 5 Windstärken zugenommen. Auf Raumschott-Kurs düsen wir auf das Kap zu, welches die Bucht von Portoferraio nach Osten hin begrenzt. Es macht tierisch Spaß über die Wellen zu surfen und binnen kurzer Zeit haben wir das Kap erreicht. Prompt verwirbelt hier wieder der Wind. Diesmal haben wir damit gerechnet und der Überraschungsmoment ist nur von kurzer Dauer. Ich mache einen Satz auf die andere Seite des Katamarans und ändere die Stellung der Fock. So eiern wir durch die Verwirbelungszone ums Kap herum. Das ist keine große Herausforderung.
Doch das, was wir dahinter sehen, verursacht mir ein flaues  Gefühl in der Magengegend. Das Wasser der vor uns liegenden weiten Bucht ist von weißen Schaumkronen übersät. Der Wind „fällt“ dort quasi die Berghänge runter, die eine Düse bilden und erreicht dabei locker eine Stärke von 5 bis 6 Windstärken. In dieser Situation wäre die Sturmbeseglung des HURRICANE angebracht gewesen. Doch diese liegt fein säuberlich aufgerollt im Wohnwagen. Als wir losgesegelt sind, war für uns nicht absehbar, dass beim Rückweg eine kleinere Beseglung von Vorteil gewesen wäre.

Also Augen zu und durch. „Ähm,…wie weit ist Korsika eigentlich entfernt?“, frage ich meinen Vater mit leichter Besorgnis in der Stimme. „Gute Frage…aber keine Panik, ein Korsika-Besuch ist im heutigen Tagesplan nicht vorgesehen!“, ruft er zurück. Na, hoffentlich hat er Recht, denke ich. Doch viel Zeit zum Denken bleibt eh nicht mehr. Ruckzuck sind wir inmitten des schäumenden Wassers. Mit voller Gewalt prescht der Wind in unsere Segel. Mein Vater muss das Großsegel weit öffnen, um die Kraft des Windes etwas abzuschwächen. Ich lege mich mit dem Oberkörper weit raus und halte  mich dabei an den Wanten fest, um nicht rückwärts über Bord zu gehen.  Mit den 11,5 m² Segelfläche sind wir bei dieser Windstärke völlig überpowert. Doch auch bei diesen Bedingungen weist der Happy Cat HURRICANE gute Fahr- und Segeleigenschaften auf. Die seitliche Abtrift ist sehr gering und auch das Flattern des Großsegels hält sich in Grenzen. Wenn da nicht dieses ungute Gefühl wäre, dass wir möglicherweise abtreiben, könnte die Aktion hier richtig Spaß machen. Wir sind sehr erleichtert, als wir die 500 Meter breite Sturmschneise durchquert haben und uns in die kleine Bucht von Nisporto retten können. „Na, das war doch mal wieder eine coole Aktion heute“, meint mein Vater grinsend. „Ja, wenn man es geschafft hat, ist es schon immer ein richtig gutes Gefühl!“, lache ich erleichtert.

Doch noch sind wir nicht an Land. Denn auch aus der kleinen Bucht von Nisporto pfeift ordentlich der Wind raus. Wir müssen auf engstem Raum zwischen zwei steilen Felswänden gegen den Wind kreuzen, um den Strand zu erreichen. Aber wir wären ja nicht hier, wenn wir nicht schon viel Segelerfahrung gesammelt hätten. Als eingespieltes Team weiß bei uns jeder, was er zu tun hat.
Ohne größere Probleme meistern wir mit dem HURRICANE auch diese letzte Herausforderung und landen in der tiefstehenden Nachmittagssonne an unserem Basislager-Strand an. Wir beeilen uns damit, das Boot aus dem Wasser zu holen und das Segel einzurollen. Außerdem inspizieren wir das Boot auf eventuell entstandene Schäden. Doch es sind keine schadhaften Stellen zu entdecken.

Zufrieden und glücklich beenden wir diesen Segeltag mit einer warmen Dusche und einem leckeren Essen. Wir sind uns einig, dass dieser Tag mal wieder ein Erlebnis war, welches das Segeln als Natursport so spannend und interessant macht.

Wir freuen uns bereits auf weitere Segeltouren mit dem Happy Cat HURRICANE.